Fahrradtour „Dritte Orte" – Ein Blick auf das Herzstück der Demokratie
Heute war es soweit: unsere erste organisierte Fahrradtour zum Thema „Dritte Orte" in Gütersloh. Mit einem spannenden Mix aus Theorie, Praxis und guten Gesprächen erkundeten wir verschiedene Begegnungsorte im Stadtgebiet – von grünen Oasen über kulturelle Hotspots bis hin zu ehrenamtlich geführten Treffpunkten. Wir sind überaus dankbar für die Teilnahme und die vielen interessanten Gespräche unterwegs. Sogar mitgefahrene Gütersloherinnen entdeckten mit der „Dritten-Orte-Brille" neue Aspekte ihrer eigenen Stadt.
Start am Botanischen Garten: Was sind Dritte Orte?
Die Tour begann am Botanischen Garten in Gütersloh. Dort gab Frauke Großer einen einführenden Input zum Konzept der „Dritten Orte". Der Begriff geht auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück. Er unterscheidet drei Ebenen: Der erste Ort ist das Zuhause, der zweite Ort die Arbeit oder Schule. Der dritte Ort ist alles dazwischen – Cafés, Parks, Bibliotheken, Kirchengemeinden, Sportvereine, Jugendzentren. Orte, an denen man einfach ist, ohne Leistung erbringen zu müssen. Niederschwellig, inklusiv, ohne Kaufzwang.
„Dritte Orte sind die Klebstoffe unserer Demokratie", erklärte Frauke. „Hier treffen sich Menschen unabhängig von Herkunft, Geldbeutel oder Status. Politik muss nicht festlegen, wie Menschen ihr Leben führen, sondern den Rahmen bilden, damit diese Räume entstehen und lebendig bleiben."
Als besonderen Blickwinkel für die gesamte Tour gab Frauke Großer die Leitfrage mit auf den Weg: „Was bedeutet dieser Ort für euch?" – Diese Frage begleitete alle Teilnehmenden mit der Dritten-Orte-Brille durch den Tag und wurde erst am Ziel im Wapelbad gemeinsam besprochen.
Dalkeinsel: Barocke Kunst unter dem Pavillondach
Der erste Stopp führte zur Dalkeinsel im Stadtpark. Dort bestaunte die Gruppe das neue Paste-Up-Kunstwerk, das der Förderverein Botanischer Garten im Pavillon installieren ließ. Das international renommierte Künstlerduo Maria Vill und David Mannstein aus Berlin, das bereits im vergangenen Jahr anlässlich des 200-jährigen Stadtjubiläums in Gütersloh zu Gast war, hat dort einen Ausschnitt aus dem berühmten barocken Deckengemälde „Apotheose des Herkules" des französischen Malers François Lemoyne als großformatiges Paste-Up umgesetzt. Mit speziellem Kleister unter der Decke des Pavillons angebracht, eröffnet das Kunstwerk Besucherinnen und Besuchern nun den „Blick in den Himmel".
Die Paste-Ups aus dem Jubiläumsjahr, die das Stadtgebiet in eine temporäre Galerie unter freiem Himmel verwandelten, gaben die Idee für dieses dauerhafte Kunstwerk an der Dalkeinsel. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie bürgerschaftliches Engagement eines Fördervereins und künstlerische Vision zusammenwirken – und wie ein Dritter Ort durch Initiative lebendig wird.
Ibrügger Teich: Sanierung in vollem Gange
Anschließend begutachtete die Gruppe den aktuellen Stand der Bauarbeiten an der Uferpromenade am Ibrügger Teich. Seit Januar 2026 wird der in die Jahre gekommene Bereich umfassend saniert und modernisiert. Das Projekt kostet rund 665.000 Euro, wobei etwa 300.000 Euro durch eine großzügige Schenkung ermöglicht wurden.
Die Arbeiten umfassen einen barrierefreien Zugang und die Erneuerung des gesamten Uferbereichs. Nach über 50 Jahren erhält dieser beliebte Ort im Stadtpark so ein dringend nötiges Update. Zum Zeitpunkt der Tour waren die Hauptarbeiten weitgehend abgeschlossen, einzelne Restarbeiten wie die Montage neuer Geländer dauern noch an. Ein Zeichen dafür, dass öffentliche Räume investiert werden müssen, um sie für alle Generationen nutzbar zu halten.
Weberei mit Bauteil 5 und Skatepark: Selbstorganisierte Kultur aus dem Wandel
Weiter ging es entlang des Dalkeweges zur Weberei Gütersloh. Das ehemalige Industriegelände zeigt beispielhaft, wie Strukturwandel zu neuen Nutzungsmöglichkeiten führen kann. Wo früher Maschinen liefen, entstehen heute Räume für Kultur, Kreativität und Begegnung.
Bauteil 5 ist ein Jugendtreff – ein Ort, an dem junge Menschen sich treffen, austauschen und ihre Zeit selbst gestalten können. Die angrenzende Skateanlage ist ein weiterer wichtiger Treffpunkt für jugendliche Subkultur und Eigeninitiative. Allerdings benötigt die Anlage dringend eine Sanierung, um weiterhin als Raum für junge Menschen nutzbar zu bleiben. Hier zeigt sich: Wenn Räume nicht instand gehalten werden, verlieren gerade diejenigen, die am wenigsten Alternative haben – junge Menschen – ihren Ort.
Stadtbibliothek: Mehr als Bücher – ein Ort zum Verweilen
In der Stadtbibliothek am Berliner Platz verschaffte sich die Gruppe einen Überblick über die vielfältigen Angebote, insbesondere im Kinderbereich gestaltet von Aat Vos. Die Stadtbibliothek Gütersloh, geleitet von Geschäftsführerin Silke Niermann, ist weit mehr als ein Ort zum Bücherausleihen. Sie ist ein Raum, der zum Verweilen einlädt – und bei Bedarf auch ins Gespräch kommt.
Neben dem klassischen Buchbestand gibt es die Bibliothek der Dinge, digitale Angebote und vielfältige Möglichkeiten, sich auszuprobieren und zu entdecken. Besonders der Kinderbereich zeigt, wie wichtig der frühe, niederschwellige Zugang zu Bildung ist. Hier zählt nicht, was auf dem Konto steht, sondern wie neugierig man ist. Die Bibliothek erfüllt damit eine Funktion, die keine kommerzielle Einrichtung übernehmen kann: Chancengleichheit durch freien Zugang zu Wissen und Begegnung.
Silke Niermann wies zudem auf den kommenden After Work Lesegarten hin: Am 06. August 2026, 17:00–19:30 Uhr, lädt die Stadtbibliothek zur Veranstaltung „Pause vom Alltag" ein. Ein schönes Beispiel dafür, wie ein Dritter Ort auch als Entspannungsraum nach der Arbeit funktioniert.
Martin-Luther-Kirche: Offene Kirche als kühler Rückzugsort
Ein Abstecher führte zur Martin-Luther-Kirche an der Berliner Straße. Die 1857–1861 nach Plänen des Wuppertaler Architekten Christian Heyden im neugotischen Stil errichtete Kirche bietet das Programm „Offene Kirche" von Mittwoch bis Sonntag an – mit Ausstellungen, spirituellen Kirchenführungen und regelmäßigen Besuchszeiten.
Ein besonders wichtiger Aspekt, der bei der Tour angesprochen wurde: Die Kirche dient im Sommer auch als kühler Raum – ein Rückzugsort an heißen Tagen, der gerade für ältere Menschen, Alleinerziehende oder Menschen in Krisensituationen von großer Bedeutung ist. Kirchen sind historisch die Urväter der Dritten Orte: Sie waren immer Treffpunkt, Anlaufstelle für Notleidende und Raum für Diskussion. Dass diese Funktion heute noch gelebt wird, zeigt die Martin-Luther-Kirche eindrucksvoll. Zudem fand in dieser Kirche die erste Vesperkirche in NRW statt – ein starkes Zeichen für soziale Verantwortung im Stadtraum.
Area 61: Moderne Jugendarbeit und Diversität
Über den Dalkeweg erreichte die Gruppe schließlich Area 61, einen modernen Dritten Ort für Jugendkultur, Kreativität und offene Formate. Kein klassisches Vereinsheim mit festen Strukturen, sondern ein offener Raum, in dem junge Menschen sich selbstorganisieren.
Area 61 steht für eine Weiterentwicklung des Begriffs „Dritter Ort": Er muss divers sein, Platz bieten für verschiedene Lebensstile, Identitäten und Ausdrucksformen. Gerade junge Menschen brauchen Orte, an denen sie gehört werden, ohne dass ihnen von oben herab gesagt wird, was sie denken sollen. Hier wird Teilhabe im Alltag gelebt – einer der Kernpunkte von Fraukes politischem Anliegen.
Wapelbad: Ehrenamtlich geführt, von allen genutzt
Den krönenden Abschluss bildete das Wapelbad – bei strahlendem Sonnenschein. Das Wapelbad ist ein Freizeitangebot, das komplett durch Ehrenamt geführt wird. Das macht es zu einem besonders wertvollen Dritten Ort: Hier engagieren sich Menschen, die aus Überzeugung handeln, nicht aus Profitinteresse.
Das Wapelbad spricht ein breites Publikum an. An diesem Tag waren private Veranstaltungen zu sehen, Familien genossen den Nachmittag und Radfahrerinnen und Radfahrer kehrten zur Stärkung ein. Genau diese Mischung macht einen echten Dritten Ort aus: Verschiedene Generationen, verschiedene Anlässe, ein gemeinsamer Raum. Ohne das ehrenamtliche Engagement gäbe es diesen Ort nicht – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie wichtig das Ehrenamt für das gesellschaftliche Zusammenleben ist.
Hier wurde auch die Leitfrage der Tour gemeinsam diskutiert: „Was bedeuten diese Orte für euch?" Die Resonanz war durchweg positiv. Besonders bemerkenswert: Selbst Gütersloherinnen, die ihre Stadt gut zu kennen glaubten, berichteten, dass sie mit der Dritten-Orte-Perspektive völlig neue Aspekte und Bedeutungen in vertrauten Räumen entdeckt hatten.
„Diese Tour hat gezeigt", fasste Frauke am Ende zusammen, „dass Dritte Orte das Herzstück einer lebendigen Demokratie sind. Wenn wir wollen, dass diese Orte erhalten bleiben, müssen wir die Kommunen finanziell stärken – mit direkten Mitteln, nicht mit komplizierten Förderanträgen. Starke Kommunen bedeuten eine starke Mitte, die alle mitnimmt."
Nächste Termine folgen
Diese Tour war erst der Anfang – und gleichzeitig ein Test für weitere Formate. Weitere Termine und Begegnungen stehen bereits in den Startlöchern. Um nichts zu verpassen, könnt ihr euch gerne für den Newsletter anmelden.
Vielen Dank an alle, die heute mitgefahren sind! Die guten Gespräche, das Interesse und die positiven Rückmeldungen haben gezeigt: Das Thema bewegt. Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass diese Orte erhalten bleiben und weiter blühen.