Mit dem Rad durch Herzebrock-Clarholz: Was vor Ort wirklich zählt
Es gibt Dinge, die lassen sich vom Schreibtisch in Düsseldorf aus nicht verstehen. Man muss sie sehen. Man muss Menschen treffen. Man muss hinfahren. Genau deshalb war ich mit dem Fahrrad in Herzebrock-Clarholz unterwegs – eingeladen vom SPD-Ortsverein, der mir die Orte gezeigt hat, die in den Akten der Landespolitik oft untergehen.
Was ich gesehen habe, hat mich bestätigt und motiviert. Dieser Bericht fasst die wichtigsten Eindrücke zusammen und zeigt, woran ich im Landtag arbeiten will.
Rathaus-Neubau: Wenn Förderung funktioniert – aber nicht reicht
Das erste Gebäude, das ich mir angesehen habe, war die Baustelle des neuen Rathauses. Der Spatenstich erfolgte im Juni 2026, nach Monaten der Verzögerung. Geplante Kosten: rund 14,3 Millionen Euro. Etwa 6,9 Millionen Euro davon kommen als Förderung vom Land NRW. Ein barrierefreies, funktionales Verwaltungsgebäude mit Multifunktionssaal, das 2028 fertig sein soll – als offener Ort für alle Bürger:innen.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Landesförderung konkret vor Ort ankommen kann. Aber es zeigt auch das eigentliche Problem: Ohne diese Förderung hätte die Gemeinde Herzebrock-Clarholz dieses Projekt allein kaum stemmen können. Die Hälfte der Kosten muss ohnehin lokal getragen werden.
Diecksheide und Postheide: 64 Grundstücke, 150 Bewerber – Wohnraum ist das Thema
Fahrradtour bedeutet: Man sieht das, was sonst im Vorbeifahren verschwimmt. Im Neubaugebiet Diecksheide und Postheide stand ich vor einer Zahl, die alles sagt: 64 Grundstücke. Über 150 Bewerber. Die Erschließung startet im kommenden Jahr, sozialer Wohnungsbau ist ebenfalls geplant.
Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ist riesig – nicht nur in den Großstädten, sondern mitten im Kreis Gütersloh. Familien, die hier arbeiten und leben wollen, finden oft nichts. Jährlich fallen in NRW rund 30.000 Wohnungen aus der Preisbindung des sozialen Wohnungsbaus. Die Mieten steigen. Besonders Familien leiden.
Der NRWSPD-Leitantrag fordert eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, die dauerhaft mehrere hundert Wohneinheiten pro Jahr errichtet. Das Vorbild ist das New-Towns-Programm der britischen Labour-Regierung: Ehemalige Industrieflächen für neue Wohnquartiere nutzen, Flächenversiegelung vermeiden, bezahlbaren Wohnraum schaffen. Das ist kein Traum – das ist Planung.
In Herzebrock-Clarholz zeigt sich das Problem im Kleinen: Lange Planungszeiten, hohe Nachfrage, begrenztes Angebot. Die Gemeinde tut, was sie kann. Aber sie braucht Unterstützung vom Land.
Gewerbeflächen: Was der Gemeinde fehlt
Ein weiterer Stopp der Tour: die Gewerbe- und Industriegebiete. Herzebrock-Clarholz hat ein Problem, das viele Gemeinden im ländlichen Raum kennen: Es fehlt an ausgewiesener Gewerbefläche. Unternehmen, die wachsen wollen, finden keinen Raum. Und wo Industrie nah an Wohngebiete grenzt, entstehen schnell Konflikte mit Anwohner:innen – Lärm, Verkehr, Emissionen.
Gute Stadtplanung muss beides zusammenbringen: Wirtschaftsentwicklung und Lebensqualität. Die Firma darf nicht immer vor den Bürger:innen stehen. Dialog, Beteiligung und transparente Planung sind hier der Schlüssel.
Und ein weiteres Thema, das mir wichtig ist: Wo öffentliche Aufträge vergeben werden, müssen faire Löhne die Voraussetzung sein. Tarifbindung für öffentliche Aufträge und Fördergelder – das ist für mich kein nice-to-have, sondern Grundvoraussetzung. Soziales ist kein Kostenfaktor, sondern der beste Standortvorteil. Wer faire Löhne zahlt, behält Fachkräfte. Wer Fachkräfte behält, bleibt wettbewerbsfähig.
Kloster Clarholz: Teilhabe, die man sehen kann
Der Stopp, der mich persönlich am meisten bewegt hat, war das Kloster Clarholz. Hier gibt es ein inklusives Labyrinth – ein Ort, an dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam teilhaben, sich begegnen und erfahren können. Herzebrock-Clarholz pflegt sogar eine Partnerschaft mit einer niederländischen Gemeinde, die hier historische Verbindungen zum Kloster hatte.
Das ist Teilhabe, die man anfassen kann. Keine abstrakte Forderung, sondern gelebte Praxis. Genau das meine ich mit meinem zweiten Kernthema: Teilhabe im Alltag. Jeder Mensch soll am Alltag teilnehmen können – ob Jung oder Alt, ob mit oder ohne Behinderung, ob mit oder ohne Auto.
Ein Senior muss ohne Auto zum Arzt kommen. Kinder dürfen nicht wegen fehlender Mobilität auf die Teilnahme im Verein verzichten müssen. Der Ausbau des ÖPNV und ein kostenloses Schüler:innenticket für den gesamten Kreis – nicht nur für den Schulweg, sondern als echte Mobilität – verbinden die Ortsteile in Gütersloh, Harsewinkel und Herzebrock-Clarholz. Das schont das Klima und schafft Chancengleichheit.
Paul-Craemer-Platz: Wo sich die Gemeinde trifft
Mittwochs und freitags ist hier Markt. Der Paul-Craemer-Platz ist multifunktional gestaltet – befestigte Ränder, Begrünung, Raum für Begegnung. Genau so sieht lebendige Ortsmitte aus: Ein Platz, der nicht nur durch Autos definiert ist, sondern von Menschen, die sich treffen, einkaufen, austauschen.
Solche Orte sind nicht selbstverständlich. Sie entstehen, wenn Kommunen die Mittel haben, sie zu gestalten. Und sie entstehen, wenn Menschen sich einbringen – im Ehrenamt, im Verein, im Ortsbeirat. Das Ehrenamt prägt mich selbst sehr, und ich sehe in Herzebrock-Clarholz, wie engagiert die Vereine, wie fleißig die Ehrenamtlichen, wie kreativ die Initiativen sind.
Aber ich habe auch hier gelernt: Wir stoßen an Grenzen. Die Aufgaben werden vom Bund und Land an die Kommunen übergeben – aber die Mittel bleiben aus. Das sind keine unlösbaren Probleme. Das sind Aufgaben, die wir gemeinsam bewältigen können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Mein Fazit nach der Tour
Herzebrock-Clarholz ist eine Gemeinde, die vorangeht. Trotz aller Grenzen. Trotz aller Aufgaben, die von oben weitergereicht werden, ohne dass das Geld mitkommt. Die Menschen hier packen an. Sie verdienen eine Landespolitik, die ihnen den Rücken stärkt.
Am Ende der Tour gab es noch ein Eis bei Ti Amo. Das haben wir uns verdient. Und es hat mich daran erinnert, worum es geht: dass ein funktionierender Alltag nicht luxuriös sein muss. Er muss einfach funktionieren. Für alle.