„Mutiger sein": Was ich aus einer Lesung mitgenommen habe
Kürzlich war ich zu Gast bei einer Lesung in der Stadtbibliothek: Sally Lisa Starken las aus ihrem Buch „Wenn der rechte Rand regiert". Veranstaltet hatten das Bündnis gegen Rechts Kreis Gütersloh gemeinsam mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Kirchenkreis Gütersloh.
Was uns die USA lehren
Sally Lisa Starken hat sich 2024 in den USA den Wahlkampf angeschaut. Ihre zentrale Beobachtung: Kamala Harris hat immer wieder gesagt, man solle doch endlich das Project 2025 von Trump lesen – und kaum jemand nahm es für voll. Dann wurde er gewählt, und ein großer Teil davon wurde tatsächlich umgesetzt.
Ihre Botschaft an uns: Nehmt die schriftlich fixierten Pläne autoritärer Bewegungen ernst. Denn auch bei uns gibt es so etwas – öffentlich einsehbar, seit zwei Jahren. Ein Strategiepapier der AfD beschreibt, wie alle anderen Parteien nach links gerückt werden sollen, um sie als „linksextrem" zu beschimpfen, sodass am Ende die CDU allein da steht und die AfD als einziger Partner übrig bleibt. CDU-Themen werden kopiert, die AfD gibt sich als Wirtschaftspartei. Wer das für hoch gegriffen hält, sollte sich die letzten Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern anschauen – dort wird genau diese Strategie gerade gelebt.
Wie die Maschine funktioniert
Die AfD arbeitet nach Starken mit vier Hebeln:
Erstens werden Institutionen unglaubwürdig gemacht: Justiz, Verfassungsschutz, Beamte – alle sollen sich angeblich nicht an Gesetze und Spielregeln halten. Zweitens werden Medien angegriffen: Bei AfD-Veranstaltungen ist der Zugang für Journalistinnen und Journalisten stark eingeschränkt, große Medienhäuser mussten sich einklagen – während rechte Influencer sich frei bewegen. Drittens werden Wahlen untergraben: Mit dem Narrativ vom staatlichen Kontrollverlust, mit Misstrauen gegen die Briefwahl und mit eigenen Wahlbeobachtern. Und viertens – das ist der vielleicht wichtigste Punkt – soll die Zivilgesellschaft ein Ohnmachtsgefühl bekommen. So lange mit Dreck beworfen werden, bis die Menschen glauben, ohnehin nichts ändern zu können.
Dazu kommt die Emotionalisierung: Die AfD nimmt echte Gefühle auf – Wie bezahle ich meine Miete? Ist meine Rente sicher? Kann ich nachts allein über die Straße gehen? – brennt daraus Narrative und benennt Schuldige. Interessantes Detail aus der Lesung: Faktisch sind Frauen zu Hause am unsichersten, nicht auf der Straße. Aber die Wahrheit stört das Narrative nicht. Es geht nie um Fakten, sondern um Zugehörigkeit, um ein „Wir".
Starken hat das am eigenen Leib erlebt: bei einer Gedenkfeier der amerikanischen Rechten, 80.000 Menschen, Hotels voll. Stimmung wie ein Konzert. Regierungsvertreter bezeichneten Charley Kirk als Helden. In dieser Menge sei ihr das Brainwashing körperlich begreifbar geworden. Dass auf evangelikale Netzwerke geachtet werden müsse, die in Europa aktiver werden – auch das hat sie mit auf den Weg gegeben. Autoritäre Bewegungen holen Menschen dort ab, wo sie nach Sinn und Zugehörigkeit suchen. Was die AfD mit Höcke-Events, Merchandise-Ständen und dreistündigen Selfie-Schlangen erfolgreich kopiert.
Und jetzt wir
Doch Starken ließ uns nicht in der Angst stehen. Zwei Antworten habe ich mitgenommen:
Erstens: Das Beispiel Sachsen-Anhalt zeigt, dass Mobilisierung funktioniert. Menschen sind auf die Straße gegangen – und die AfD hat die Mehrheit verfehlt. Die Zivilgesellschaft hat Historisches geleistet, und wir dürfen unsere eigene Stärke nicht unterschätzen.
Zweitens: Demokratische Anker wirken. Wissenschaftlich zeigt sich: Wenn Menschen im Umfeld haben, die nachfragen, diskutieren, ins Reflektieren bringen – dann finden sie zurück. Nicht Faktenwälzer überzeugen, sondern echte emotionale Beziehungen und Gespräche. Politik muss dabei Menschen abholen, wo sie sind. Das funktioniert kommunal oft gut – die längst nicht überall, aber es klappt viel häufiger, als wir glauben.
Der vielleicht wichtigste Tipp: Mut
Zum Abschluss der Lesung gab Sally Lisa Starken einen Rat mit auf den Weg, der mich nicht loslässt: Wir haben zu viel Angst, etwas zu sagen.
Wir zögern, wenn im Bekanntenkreis Vorurteile fallen. Wir schweigen, um den Frieden zu wahren – und merken nicht, dass genau dieses Schweigen den Raum öffnet, den andere längst lautstark füllen.
Dabei ist die eigentlich richtige Frage ganz einfach: Was ist die Alternative?
Ihr Tipp – und da ist sie sich mit mir einig: Seid mutiger. Sprich an. Frag nach. Halte freundlich, aber bestimmt dagegen. Mut ist keine Großtat. Mut ist ein Satz im richtigen Moment.
Was das für mich bedeutet
Für meine Kandidatur heißt das: Vertrauen zwischen Menschen und Politik entsteht nicht von ferne, sondern vor Ort – im Gespräch, in der Teilhabe, in Kommunen, die handlungsfähig sind. Genau deshalb trete ich an. Nicht weil ich jede Antwort kenne – sondern weil die Alternative, es anderen zu überlassen, keine Option ist.
Und: Nicht denken. Machen.