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clarholz, harsewinkel, gütersloh, kultur, tradition05. Okt. 2026

Wurzeln im Wandel: Ein Wochenende für unsere Gemeinschaft

Wurzeln im Wandel: Ein Wochenende für unsere Gemeinschaft

Von Greffen über Clarholz nach Gütersloh – drei Traditionen, eine Botschaft

Dieses Wochenende war ich dort, wo das Leben im Kreis Gütersloh wirklich stattfindet: beim Sauerkrautstampfen in Greffen, beim Erntedankumzug in Clarholz und auf der Michaeliskirmes in Gütersloh. Drei sehr unterschiedliche Veranstaltungen – und doch erzählen sie gemeinsam eine Geschichte von ehrenamtlichem Engagement, dorfgemeinschaftlichem Zusammenhalt und lebendiger Demokratie von unten. Genau deshalb gehören sie zu den wertvollsten Ressourcen, die wir haben.

Greffen: Sauerkrautstampfen beim Weinfest des Bürgervereins

Am Tag der Deutschen Einheit lud der Bürgerverein Greffen e.V. ab 14 Uhr zu seinem traditionellen Weinfest mit Sauerkrautstampfen an das Bürgerhaus Greffen ein. Wer organisiert das? Ein klassischer Dorfverein, der zugleich das Bürgerhaus betreibt – eine ehemalige, über einhundert Jahre alte Mühle im Herzen des Ortes. Das Bürgerhaus ist mit mehr als 150 Veranstaltungen im Jahr ein echtes Zivilisationszentrum des Dorflebens: Vereinstreffen, Neujahrsempfang, Jugendtreff, Lesungen, Konzerte und ein plattdeutscher Krink, der sich dem Erhalt der Mundart und alter Bräuche verschreibt.

Beim Sauerkrautstampfen selbst hobeln, stampfen und füllen die Vereinsmitglieder gemeinsam rund 150 Kilogramm Weißkohl ein. Nach etwa zweimonatiger Gärzeit wird daraus im Dezember das fertige Sauerkraut, das am zweiten Advent auf dem Greffener Weihnachtsmarkt verkauft wird. Und das Beste: Wer mag, darf selbst mit anpacken – so durfte auch ich in diesem Jahr auf traditionelle Weise Sauerkraut stampfen.

Das ist gelebte Nachhaltigkeit im besten Sinne: regionale Lebensmittel, haltbare Vorräte für den Winter, gemeinsame Arbeit. Von der Ernte im Oktober bis zum Verkauf im Dezember zieht sich ein Bogen durchs Dorfjahr, an dem ganze Familien beteiligt sind.

Clarholz: Der Erntedankumzug der Erntedankgemeinschaft Clarholz-Sundern

Am Sonntag um 14:30 Uhr startete in Clarholz der große Festumzug – und der hat es in sich. Die Erntedankgemeinschaft Clarholz-Sundern e.V. veranstaltet ihn jährlich „mit Hilfe vieler Vereine" und beschreibt sich selbst als Weg „vom kleinen Bauerschaftsfest zum größten und schönsten Erntedankumzug Deutschlands". Das ist keine Übertreibung: Beim Jubiläumsumzug zogen 57 Gruppen durch den Ort, und tausende Besucher strömen jedes Jahr in die Gemeinde.

Das Drumherum ist beeindruckendes ehrenamtliches Handwerk: Aus heimischen Gemüse- und Obstsorten werden ideenvoll geschmückte Wagen gebaut, ebenso Kornbilder aus verschiedenfarbigen Getreidekörnern, Motiv- und Blumenwagen aus tausenden bunten Dahlienblüten und Sonnenblumen, Motive aus unzähligen Weizenähren – dazu humorvolle Themenwagen, phantasievolle Fußgruppen und Blaskapellen, Fanfaren- und Spielmannszüge aus der ganzen Region. Zum Festwochenende gehören auch die Ernteparty am Samstagabend für Jung und Alt, das Kornschneiden und das Aufstellen der Erntekrone, die wegen des Rathausneubaus in diesem Jahr auf einem Clarholzer Hof platziert wurde. 2026 stand die Gemeinschaft im 75. Jahr ihres Bestehens – drei Vierteljahrhundert ununterbrochene Dorfkultur.

Man beachte auch die gesellschaftliche Dimension: Die Erntedankgemeinschaft wurde in Berichten als „Aushängeschild für die Gemeinde" gelobt. Hier wird Landwirtschaft nicht als abstrakter Agrarkomplex erlebt, sondern als Arbeit echter Menschen aus der Nachbarschaft – Wertschätzung, die man in keiner Förderrichtlinie abbilden kann.

Gütersloh: Die Michaeliskirmes als großes Volksfest der Mitte

Den Abschluss machte die Michaeliskirmes auf dem Gütersloher Marktplatz (in diesem Jahr 25. September bis 4. Oktober), veranstaltet vom Schaustellerverband Gütersloh-Lippstadt und familial geführt: Seit 1932 ist die Familie Schneider für die Pfingst- und Michaeliskirmes in Gütersloh verantwortlich. Während der Krieg das Fest zum Verstummen brachte, wurde es 1949 wiederbelebt – die erste Nachkriegs-Michaeliswoche zog bereits 150.000 Besucher an. Die Kirmes ist eingebettet in die Michaeliswoche, ein breites Programm von der Gütersloher Marketing mit Familienaktionen und vielen Begleitveranstaltungen, von Kinderflohmarkt bis traditionellem Jahrmarktspaß.

Etliche Generationen von Güterslohern sind schon über diese Kirmes gebummelt. Das ist Tradition im besten Sinne: ein lebendiges Fest, das sich Generation um Generation neu erfindet und dennoch seine Wurzeln behält.

Warum dieses Angebot wichtig ist – und immer wichtiger wird

Was verbindet diese drei Veranstaltungen? Sie sind Zivilgesellschaft pur, und sie stehen auf drei Säulen, die in der Landtagspolitik in NRW direkt relevant sind:

Erstens: Ehrenamt als Infrastruktur. Der Bürgerverein Greffen trägt mit 150 Veranstaltungen im Jahr das Dorfleben; die Erntedankgemeinschaft Clarholz bindet Dutzende Vereine und Hunderte Helfer; die Michaeliswoche füllt die Innenstadt und den lokalen Einzelhandel. Allesamt sind sie auf tragfähige kommunale Strukturen angewiesen. Deshalb ist das Thema „Kommunen finanziell stärken" keine abstrakte Haushaltsfrage, sondern die Frage, ob Dorffeste, Bürgerhäuser und Traditionsvereine überleben. Jeder Euro in die kommunale Daseinsvorsorge ist ein investierter Euro in den sozialen Frieden.

Zweitens: Teilhabe im Alltag. Beim Sauerkrautstampfen darf jeder mit anpacken. Der Erntedankumzug verbindet Alt und Jung, Hof und Vorstadt. Die Kirmes bringt Menschen aus allen Milieus ungezwungen zusammen. Genau diese niedrigschwelligen Räume der Begegnung werden seltener – und damit wertvoller. Teilhabe beginnt nicht im Parlament, sondern auf dem Dorf- und Marktplatz.

Drittens: Gleichstellung, mitgedacht. Diese Feste waren historisch oft streng nach Rollenbildern organisiert – vom „Erntekönigspaar" bis zur Küche im Hintergrund. Es ist Aufgabe unserer Generation, diese Traditionen nicht abzuschaffen, sondern zu öffnen: Damit Frauen in den Vorständen der Traditionsvereine ebenso selbstverständlich sind wie Männer, dass Familien mit und moderne Familienformen sichtbar teilhaben und dass Themenwagen friedlich diskutieren, statt Spaltungen zu bedienen. Der plattdeutsche Krink in Greffen zeigt übrigens, wie Kulturgut bewahrt und zugleich für alle geöffnet werden kann.

Und schließlich: Demokratie. Das Grundgesetz beginnt nicht mit „Der Staat", sondern mit „Die Würde des Menschen ist unantastbar" – und Demokratie nach Artikel 20 GG lebt von der aktiven Teilnahme der Bürgerinnen und Bürger. Wer einmal gesehen hat, wie ein Dorf einen Umzug über Monate vorbereitet, weiß: Diese Menschen lassen sich für ihre Gemeinschaft nicht instrumentalisieren. Wer Traditionen pflegt, pflegt Verantwortung. Gerade in Zeiten, in denen Extremismus einfache Antworten anbietet, ist die Stärke der Mitte – getragen von solchen Festen – unsere beste Verteidigung.

Tradition und Wandel sind kein Gegensatz. Die Sauerkrautgärung dauert zwei Monate; gesellschaftlicher Wandel dauert länger. Aber beides braucht dieselben Zutaten: Geduld, verlässliche Gemeinschaft und Menschen, die anpacken. Dies Wochenende in Greffen, Clarholz und Gütersloh hat mir gezeigt: Diese Menschen gibt es. Und sie verdienen eine Politik, die sie sieht.

Sauerkraut, Erntedank, Kirmes: Warum Tradition unsere Zukunft stärkt | Frauke Großer